Warum Berlin für Studierende immer teurer wird – und was wirklich dahintersteckt
Wohnen frisst das Budget – und Berlin ist deutschlandweit Spitze
Der Hauptgrund ist simpel: Miete. Eine aktuelle Auswertung des Moses Mendelssohn Instituts (in Kooperation mit WG-Gesucht.de) ordnet Berlin im Ländervergleich als teuersten Standort ein: Studierende zahlen dort im Schnitt 650 Euro fürs Wohnen.
Und auch wenn „Durchschnitt“ nicht heißt, dass jeder so viel zahlt: Es zeigt, wohin der Trend läuft. Besonders deutlich wird’s bei der Dynamik: Seit 2019 sind die studentischen Wohnkosten in Berlin laut derselben Analyse um 170 Euro gestiegen.
Für WG-Zimmer kursieren je nach Erhebung unterschiedliche Indikatorwerte – eine häufig zitierte Größe aus dem MMI/WG-Gesucht-Kontext liegt für ein Muster-WG-Zimmer (20 m²) in Berlin bei 624 Euro (Wintersemester 2025/26).
Heißt übersetzt: Wer neu sucht, braucht nicht „Glück“, sondern fast schon ein Wunder – oder sehr viel Zeit, Kontakte und Nerven.
Wohnheime wären die Rettung – sind aber knapp
Wohnheimplätze sind in vielen Städten Mangelware. Bundesweit meldete das Deutsche Studierendenwerk zu Beginn des Wintersemesters 2024/25 rund 33.000 Studierende auf Wartelisten (bei elf Studierendenwerken, die Zahlen liefern konnten).
BAföG hilft – aber die Wohnpauschale passt oft nicht zur Realität
Jetzt kommt der nächste Knackpunkt: Unterstützungssysteme laufen der Preisentwicklung hinterher. Beim BAföG liegt der Bedarf für Unterkunft (Wohnkostenpauschale) seit Herbst 2024 bei 380 Euro. Das Problem daran ist nicht, dass 380 Euro „wenig“ klingen – sondern dass Berlin-Werte weit darüber liegen.
Auch der maximal mögliche BAföG-Bedarfssatz (je nach Alter/KV/PV-Situation) zeigt die Dimension: Für auswärts Wohnende in der Altersgruppe 25 bis 29 sind es 992 Euro (inklusive KV/PV-Zuschlägen). Wenn davon aber schon 600+ Euro ins Wohnen gehen, bleibt für Essen, Lernmittel, Handy, Kleidung, Kultur und das Leben in dieser Stadt schnell nur noch „Restgeld“.
Semesterbeitrag & Ticket: planbar – aber trotzdem ein Brocken
Viele denken beim Teurerwerden sofort an Miete und Supermarkt. Aber selbst fixe Uni-Kosten sind spürbar. Ein Beispiel: An der Freien Universität Berlin liegt der Semesterbeitrag für Wintersemester 2025/26 (und auch SoSe 2026) bei 358,80 Euro – darin enthalten u. a. 213,80 Euro fürs Deutschlandsemesterticket (inkl. Sozialfonds).
Das Ticket ist im Vergleich zum regulären Deutschlandticket stark rabattiert: Das Deutschlandsemesterticket kostet 34,80 Euro pro Monat (208,80 Euro pro Semester) – während das reguläre Deutschlandticket seit 01.01.2026 bei 63 Euro pro Monat liegt.
Kurz: Das Semesterticket ist für viele ein Deal. Aber der Betrag landet eben trotzdem auf der Rechnung – pünktlich, auf einen Schlag, vor Semesterstart.
Was das im Alltag bedeutet: Mehr Job, weniger Studium, weniger Berlin
Wenn Wohnen und Fixkosten steigen, passiert etwas, das man in keiner Statistik direkt sieht: Zeit wird knapp. Wer 15–20 Stunden die Woche arbeitet (oder mehr), hat weniger Luft für Seminare, Prüfungsphasen, Praktika, Engagement – und schlicht fürs Durchatmen. Der „Berlin-Vibe“ wird dann nicht Club und Kultur, sondern Schichtplan und Wohnungsanzeigen.
Und das hat eine soziale Seite: Berlin droht wieder stärker zu selektieren. Nicht offiziell durch Gebühren – sondern leise über den Wohnungsmarkt. Wer familiär abgesichert ist, kann Berlin „trotzdem“ machen. Wer es nicht ist, muss kreativ werden: weiter draußen wohnen, länger pendeln, Studium strecken oder den Standort wechseln.
Was jetzt helfen würde – damit Berlin nicht nur für Gutverdiener-Kids studierbar bleibt
Wenn Berlin studierbar bleiben soll, braucht es weniger Durchhalteparolen und mehr Struktur:
- Mehr Wohnheimplätze und studentisches Bauen, sonst bleibt der private Markt die einzige Option. (Der bundesweite Wartelistendruck ist längst dokumentiert.)
- Wohnkostenpauschale im BAföG realitätsnäher gestalten – denn 380 Euro sind in teuren Städten häufig nicht mehr der Maßstab.
- Sozialfonds und Härtefall-Regelungen rund ums Semesterticket/Beitrag bekannter machen – viele wissen gar nicht, dass es Unterstützungswege gibt (je nach Hochschule/AStA-Strukturen).
Berlin wird nicht „billig“ werden. Aber es kann fairer werden. Sonst bleibt am Ende vom Mythos „Studieren in Berlin“ vor allem eins übrig: der Preis.