Studieren und schon unterrichten. Chance oder Lückenfüller?
Gerade noch sitzt du selbst im Seminar und beschäftigst dich mit Didaktik, Unterrichtsplanung und Pädagogik. Wenig später stehst du vor einer Schulklasse und merkst, dass sich manche Dinge in der Realität doch etwas anders anfühlen als auf dem Papier.
Für viele Lehramtsstudierende in Berlin ist diese Situation gar nicht ungewöhnlich. Zahlreiche Studierende arbeiten bereits während ihres Studiums an Schulen. Genau hier setzt der neue Flex-Master an, der zum Wintersemester 2026/27 startet. Studium und schulische Arbeit sollen besser zusammenpassen, statt parallel nebeneinanderherzulaufen.
Was ist der Flex-Master eigentlich?
Bisher absolvieren Lehramtsstudierende ihr Praxissemester normalerweise kompakt innerhalb eines Mastersemesters. Künftig gibt es zusätzlich eine duale Variante.
Entscheidest du dich dafür, verteilt sich dein Praxissemester über drei Semester. Gleichzeitig arbeitest du mit einem Arbeitsvertrag an der Schule, an der du auch deine praktische Ausbildung absolvierst. Die Inhalte des Studiums bleiben grundsätzlich dieselben. Sie werden lediglich zeitlich anders organisiert.
Das soll vor allem eines verhindern. Dass Uni, Unterricht und Praxiserfahrung gleichzeitig um jede freie Stunde in deinem Kalender kämpfen.
Geld verdienen und Berufserfahrung sammeln
Der offensichtlichste Vorteil liegt auf der Hand. Du sammelst nicht nur praktische Erfahrung, sondern wirst für deine Tätigkeit an der Schule bezahlt.
Gerade im Lehramtsstudium kann das sinnvoll sein. Du bekommst früh mit, wie sich Unterricht wirklich anfühlt, wie unterschiedlich Klassen reagieren und wie viel Organisation hinter einer einzigen Schulstunde steckt. Gleichzeitig musst du dafür nicht irgendeinen Nebenjob mit deinem Studium koordinieren. Deine Arbeit hat direkten Bezug zu deinem späteren Beruf.
Auch die Berliner Senatsverwaltung begründet die Einführung unter anderem damit, dass viele Lehramtsstudierende bereits während des Studiums arbeiten. Steigende Lebenshaltungskosten spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach früher Praxiserfahrung.
Einen Platz gibt es nicht automatisch
Ganz so einfach wie Einschreiben und losunterrichten funktioniert die duale Variante allerdings nicht. Du brauchst einen entsprechenden Arbeitsvertrag mit einer Berliner Schule. Dafür gibt es ein eigenes Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Entscheidend ist unter anderem, ob die Schule Bedarf in deinen Unterrichtsfächern hat und dich im Rahmen deines angestrebten Lehramts ausbilden kann.
Der Flex-Master ist deshalb eine zusätzliche Möglichkeit und kein Pflichtprogramm. Wer lieber das bisherige Modell nutzt, kann weiterhin das kompakte Praxissemester wählen.
Und was ist mit dem Lehrkräftemangel?
Natürlich kommt das Modell nicht unabhängig von der Situation an Berliner Schulen. Die Stadt braucht Lehrkräfte und Studierende arbeiten schon heute an vielen Schulen mit. Deshalb darf man durchaus fragen, wem der Flex-Master am Ende stärker hilft. Den Studierenden oder dem Berliner Schulsystem?
Beides muss sich nicht ausschließen. Studierende können wertvolle Berufserfahrung sammeln und Schulen bekommen Unterstützung. Problematisch würde es allerdings, wenn aus einer begleiteten Ausbildung einfach möglichst schnell möglichst viel Unterricht werden würde.
Genau deshalb sind die Rahmenbedingungen wichtig. Vorgesehen sind weiterhin universitäre Seminare, Mentoring und fachliche Beratung. Die praktische Arbeit soll also mit dem Studium verbunden und wissenschaftlich begleitet werden.
Mehr Praxis ist gut, solange das Studium mithalten kann
Unterrichten besteht schließlich nicht nur daraus, 45 Minuten vor einer Klasse zu stehen. Vorbereitung, Nachbereitung und organisatorische Aufgaben kosten ebenfalls Zeit.
Wie gut sich die duale Variante anfühlt, dürfte deshalb stark davon abhängen, wie viele Unterrichtsstunden du übernimmst. Die Freie Universität weist beispielsweise darauf hin, dass je nach wöchentlicher Unterrichtszeit unterschiedliche Studienverläufe oder sogar ein Teilzeitstudium sinnvoll sein können.
Der Flex-Master kann damit eine ziemlich gute Möglichkeit sein, schon während des Studiums herauszufinden, wie dein späterer Berufsalltag wirklich aussieht. Entscheidend ist aber, dass du dabei Student oder Studentin bleibst und nicht einfach zur schnellen Lösung für einen leeren Stundenplan wirst.
(CHHI)