Medikamente

Antidepressiva richtig absetzen

Nahaufnahme von Gesicht und Hand eines junges Mannes, er hält eine Tablette zwischen den Fingern.
Einige Medikamente haben eine Art Suchtfaktor – das Absetzen muss hier kontrolliert erfolgen. (Foto: ©stock.adobe.com/Africa Studio)
Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen werden schnell mal Antidepressiva verschrieben. Was aber, wenn du sie nicht mehr brauchst und loshaben möchtest?
Montag, 02.12.2024, 11:00 Uhr, Autor: Sandra Lippet

An sich ist es gut, dass es heutzutage für so ziemlich alles Medikamente gibt, die helfen, die Symptome von Krankheiten zu lindern – oft tun sie aber auch nur das: die Symptome lindern. Die Ursachen bleiben aber. Bei psychischen Erkrankungen ist das ziemlich tricky, denn Fachleute verschreiben gerne provisorisch Antidepressiva. Ohne therapeutische Unterstützung wirken diese aber eben nur gegen die Symptome, der Grund für das Auftreten der Krankheit aber bleibt unbehandelt.

Schafft man es durch eine Therapie oder selbst die Ursachen rauszufinden und anzugehen oder möchte einfach keine Medikamente mehr nehmen, geht es daran, die Antidepressiva wieder abzusetzen. Leider funktioniert das aber nicht wie mit Schmerztabletten: zwar machen Antidepressiva theoretisch nicht abhängig, von ihnen wieder loszukommen, kann aber definitiv unangenehm werden

Aber auch dabei können wir dir Hilfestellungen bieten und klären dich auf, über:

Antidepressiva: Anwendung und Wirkung

Wie der Name schon verrät, sollen Antidepressiva vor allem bei Depressionen und depressive Verstimmungen helfen. Sie können aber auch für andere psychische Erkrankungen eingesetzt werden, u.a. bei chronischen Schlafstörungen, Angst- oder Zwangsstörungen.

Antidepressiva wirken in der Regel stimmungsaufhellend. Das liegt daran, dass sie die Verfügbarkeit von Serotonin verbessern, was umgangssprachlich als das Glückshormon gilt. Der Botenstoff kann den Schlafrhythmus und die Stimmungslage verbessern und Impulsivität und Aggressivität dämpfen. Er wirkt beruhigend und macht ‚munter‘.

Eine medikamentöse Therapie erzielt erst nach der Einstellung und Eingewöhnung, also nach ca. 2 Wochen, erste Erfolge. Sind die Beschwerden verschwunden oder haben sich verbessert, werden Antidepressiva aber weiterhin genommen – im Schnitt zwischen 6 bis zu 12 Monate oder länger. 

Was gibt es für Alternativen?

Stimmungsaufhellende und energiesteigernde Wirkung haben auch Johanniskraut, Passionsblume und Rhodiola. Es gibt auch andere Behandlungsmöglichkeiten, wie bspw. autogenes Training oder spezielle Therapieformen

Lass dich dafür bitte von einem Facharzt/einer Fachärztin beraten – und klär auch immer ab, welche natürlichen Mittel oder Medikamente zusammen mit Antidepressiva genommen werden dürfen – um potenziellen Risiken vorzubeugen!

Wie sehr verändern Antidepressiva die Persönlichkeit?

Dass Antidepressiva die Persönlichkeit der Konsument:innen verändert, ist eine weit verbreitete Annahme. So ganz stimmt das aber nicht, denn das Medikament wirkt sich nur auf die Stimmungslage und das Energielevel aus, nicht auf die Persönlichkeit. Es kann sich aber das Verhalten von Menschen, die Antidepressiva nehmen, verändern, sichtbar am oft starken Kontrast von depressiver Verstimmtheit und Kraftlosigkeit, davor, zu voller Energie und super Laune, während der Einnahmephase.

Auch die Nebenwirkungen des Medikaments spielen dabei eine Rolle, denn u.a. kann es zu Müdigkeit, Kopfschmerzen, Unruhe, sexueller Unlust oder Funktionsstörung führen. Und das kann sich natürlich ebenfalls auf das Benehmen Betroffener auswirken

Es handelt sich aber nur um eine temporäre Veränderung von Verhaltensweisen. Werden die Antidepressiva erfolgreich abgesetzt, kann, medizinisch jedenfalls, keine Persönlichkeitsänderung festgestellt werden

Wie komme ich von Antidepressiva weg?

Wichtig!

Setze Antidepressiva nie einfach so alleine ab, sondern immer nur in Absprache mit deinem Facharzt/deiner Fachärztin. 

Vor allem bei Medikamenten wie Antidepressiva kann es bei einem abrupten Absetzen zu schweren Nebenwirkungen – je nach Dosierung auch zu Arten von Entzugserscheinungen – kommen. Deswegen werden sie immer schrittweise abgesetzt, d.h. es wird über einen längeren Zeitraum die Dosis der Medikamente stetig verringert, bis man sie irgendwann ganz weglassen kann. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, Antidepressiva abzusetzen?

Auch um diese Frage zu beantworten, solltest du deinen Arzt/deine Ärztin konsultieren. Zwar kannst nur du nachfühlen, ob die Medikamente wirken, die Beschwerden besser werden oder ganz verschwunden sind – oft sollen Antidepressiva aber noch über diesen Zeitpunkt hinaus eingenommen werden. Ein zu schnelles Absetzen lässt die Symptome nämlich einfach wiederkommen – und das Spiel geht von vorne los.

Deswegen wird meistens zu einer kontinuierlichen Einnahme über 3 bis 12 Monate oder länger geraten – je nachdem wie schwer deine psychische Erkrankung eben ist. Fühlst du dich dann eine Weile, mindestens ein paar Wochen oder besser Monate, richtig gut, kannst du mit deine:r Fachmediziner:in zusammen das Absetzen planen.

Auf die Jahreszeit achten!

Klingt jetzt vielleicht komisch, aber ausgerechnet im Herbst oder Winter solltest du deine Antidepressiva, falls möglich, nicht absetzen. Die ständige Dunkelheit, das dadurch fehlende Vitamin D und die Kälte erschweren es deinem Mechanismus wieder ohne das stimmungsaufhellende Serotonin und das Medikament allgemein klarzukommen.

Im Frühling und Sommer dagegen kann es dir leichter fallen, von Antidepressiva loszukommen. Sonne, Vitamin D, Frühlings-/Sommergefühle, Licht, blühende Pflanzen und allgemein bessere Grundstimmung können das Absetzen unterstützen.

Übrigens können Antidepressiva auch abgesetzt werden, wenn sie nicht wirken oder sich zu starke Nebenwirkungen einstellen. Wenn bestimmte Tabletten nicht vertragen werden, muss man sie ebenfalls ausschleichen lassen – und dann durch ein passenderes Medikament, bspw. ein anderes Antidepressivum, ersetzen.

Wie lange dauert ein Entzug von Antidepressiva?

Wie lange das Absetzen im Einzelfall dauert, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Welches Antidepressiva wurde verschrieben?
  • Wie hoch war die finale Dosierung?
  • Wie lange wurde das Medikament eingenommen?

Ja nach Art, Dosierungshöhe und Einnahmelänge, kann das Absetzen oder der Entzug unterschiedlich lange dauern. Unabhängig davon solltest du aber mindestens mit mehreren Wochen bis hin zu mehreren Monaten rechnen, bis du wirklich gar keine Antidepressiva mehr nehmen musst. 

Hard facts

Besonders die Antidepressiva Paroxetin, Venlafaxin und Imipramin sind schwer abzusetzen. Sie haben ein hohes Risiko Absetzsymptome zu zeigen – und du solltest sie deswegen noch langsamer ausschleichen lassen.

Zusammen mit deinem Arzt/deiner Ärztin kannst du für das Absetzen eine Art Plan erstellen. Heißt absprechen, bis zu welchem Datum/Zeitraum es real machbar ist, deinen Körper Antidepressiva-frei zu bekommen. Vertrau da bitte dem Fachpersonal, denn das kennt sich im Normalfall einfach besser mit den Wirkungen und Risiken aus – und sei geduldig. 

Was sind typische Absetzsymptome?

Es kann – muss aber nicht – wie beim Einstellen von Antidepressiva auch beim Absetzen zu bestimmten Nebenwirkungen, bzw. Symptomen, kommen. Das liegt daran, dass sich der Körper an die Zufuhr der im Medikament enthaltenen Stoffe oder, beim Entzug dann, an ihr Fehlen gewöhnen muss. 

In diesen Umgewöhnungsphasen treten am häufigsten die folgenden Symptome auf:

  • Kopfschmerzen 
  • grippe-/erkältungsähnliche Symptome, wie Hitze- oder Kältewellen, starkes Schwitzen, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit
  • Schlafprobleme
  • Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen
  • Übelkeit und/oder Erbrechen
  • innere Unruhe
  • Angstzustände und Reizbarkeit

Sind die Absetzsymptome bei dir nicht leicht oder mittelmäßig ausgeprägt, sondern richtig heftig, solltest du deinen Arzt/deine Ärztin aufsuchen. Denn dann stimmt einfach etwas nicht.

Durchhalten!

Absetzsymptome sind unangenehm, aber nur temporär. Heißt: Sobald sich dein Körper wieder an das Funktionieren ohne Antidepressiva gewöhnt hat, klingen auch sie wieder ab. 

(patienten-information/charite/register.awmf/sciencemediacenter/depression-heute/meduniwien/klinik-friedenweiler/SALI)

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