Alkohol, Gaming, Social Media

Bist du schon süchtig?

Junger Mann vor Gaming-PC. Er trägt Kopfhörer, es ist dunkel. Aufnahme von hinten.
Wenn Zocken deinen Alltag bestimmt, kann es sein, dass du schon in die Sucht abgerutscht bist. (Foto: ©stock.adobe.com/Drobot Dean)
Alkohol am Wochenende, Kaffee fürs Funktionieren, Gaming zum Runterkommen. Gefährlich wird’s, wenn „ich kann jederzeit aufhören“ plötzlich nicht mehr stimmt.
Freitag, 02.01.2026, 10:00 Uhr, Autor: Sarah Hoffmann

Sucht kann von außen manchmal wie eine witzige Lappalie wirken: „Haha, Kaffeesucht“, „Ich bin halt Gamer:in“, „Nur ein Feierabend-Bierchen zum Runterkommen“. Und genau da liegt das Problem. Viele Süchte starten nicht mit Drama, sondern mit einem praktischen Nutzen: Alkohol macht kurzzeitig gute Laune, Koffein macht kurz wach und schiebt dich durch den Tag, Gaming holt dich kurz weg aus Stress, Druck, Einsamkeit oder Overthinking.

Das ist nicht automatisch „krank“. Aber Sucht entsteht oft über einen ziemlich simplen Prozess: Erfahrung → Wiederholung → Gewöhnung → Missbrauch.
Heißt: du benutzt etwas erstmal „funktional“. Dann öfter. Dann wird es normal. Und irgendwann ist es nicht mehr nur Option, sondern dein Default.

Wichtigster Satz vorweg: Sucht ist eine Krankheit und keine Charakterschwäche. Du bist nicht „zu schwach“, wenn du da reinrutschst. Du bist ein Mensch mit einem Gehirn, das ziemlich gut darin ist, schnelle Erleichterung zu lernen – und das bei Stress, mentaler Belastung und Daueranspannung noch viel stärker.

Damit du nicht ewig im Nebel bleibst („Ist das jetzt schon Sucht oder nur Gewohnheit?“), bekommst du hier Antworten auf die folgenden Fragen:

Was ist Sucht?

Sucht ist ein Verhaltensmuster mit einem unwiderstehlichen, wachsenden Verlangen nach einem bestimmten Gefühls- oder Erlebniszustand. Das kann sich auf Substanzen (z. B. Alkohol) oder auf Verhaltensweisen (z. B. Gaming) beziehen.

Sucht ist außerdem nicht einfach „viel Konsum“. Es gibt keine feste „Menge“, ab der automatisch Sucht beginnt. Entscheidend ist, ob du noch frei entscheiden kannst.

Woran Fachleute Abhängigkeit erkennen

Häufig wird von Abhängigkeit gesprochen, wenn über einen längeren Zeitraum mehrere der folgenden Punkte zusammenkommen. Besonders dann, wenn sie gleichzeitig auftreten:

  • Starker Wunsch oder Zwang (Craving): es zieht dich dahin, auch wenn du eigentlich nicht willst.
  • Kontrollverlust: du kannst Beginn, Ende oder Menge/Dauer nicht mehr zuverlässig steuern.
  • Entzug: ohne wird’s unangenehm – körperlich oder psychisch.
  • Toleranz: du brauchst mehr für den gleichen Effekt.
  • Vernachlässigung: andere Dinge werden egal, weil das Thema immer mehr Platz nimmt.
  • Weitermachen trotz Schäden: du merkst Folgen, machst aber trotzdem weiter.

Das ist der Punkt, wo „wo beginnt Gefahr?“ ziemlich klar wird: Gefahr beginnt da, wo Freiheit endet.

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Welche zwei Arten von Sucht gibt es?

Vereinfacht gibt es zwei große Gruppen:

  1. Stoffgebundene Abhängigkeiten: Abhängigkeit von Substanzen (z. B. Alkohol, Nikotin, Medikamente, illegale Drogen).
  2. Verhaltenssüchte: Abhängigkeit von einer Handlung oder einem Erlebnis (z. B. Glücksspiel, problematisches Computerspielen).

Und ganz wichtig: Sucht entsteht selten nur durch „die Sache an sich“. Meist ist es ein Mix aus dem Mittel/Verhalten, deiner Persönlichkeit und deinem Umfeld (Stress, psychische Belastung, soziale Faktoren, Gewohnheiten).

Was ist der Unterschied zwischen Sucht und Abhängigkeit?

Im Alltag sagt man oft „Sucht“. In der Medizin spricht man eher von „Abhängigkeit“. Gemeint ist häufig dasselbe, aber „Abhängigkeit“ ist der fachlichere Begriff für das Muster mit Craving, Kontrollverlust, Entzug und Toleranz.

Long story short:

  • Sucht ist der breitere Alltagsbegriff (auch für Verhalten).
  • Abhängigkeit ist die medizinische Bezeichnung für das Syndrom mit klaren Kriterien.

Was ist typisches Suchtverhalten?

Suchtverhalten ist selten „nur“ ein hoher Konsum. Es ist eher ein Paket aus Mustern, das sich langsam einschleicht und dann irgendwann ziemlich laut wird.

1. Dein Kopf ist öfter dort als du willst

Gedanken kreisen immer wieder um das „nächste Mal“. Bei Gaming z. B.: „Wann kann ich wieder online?“, selbst in der Uni, während deines Jobs oder während du dich mit Freunden triffst.

2. Du verlierst die Kontrolle

Du nimmst dir Limits vor und hältst sie nicht zuverlässig. „Nur eine Runde“ wird zu „ups, 3 Uhr morgens“.

3. Ohne wird’s unangenehm

Bei Substanzen kann das körperlich sein, bei Gaming oft emotional/innerlich: du wirst aggressiv, unruhig, reizbar oder nervös, wenn du nicht spielen kannst.

4. Du brauchst mehr für denselben Effekt

Mehr Alkohol, mehr Koffein, mehr Stunden zocken, weil „früher hat’s schneller gereicht“.

5. Dein Leben wird schmaler

Andere Interessen, Kontakte, Sport, Schlaf, Leistung – alles wird sekundär.

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6. Du machst weiter, obwohl’s dir schadet

Trotz Konflikten, schlechten Noten, Jobstress, Körperproblemen oder psychischem Crash.

„Freiheits-Test“ 
Stell dir vor, du müsstest 14 Tage komplett verzichten. Nicht „vielleicht“, sondern fix. Macht dich der Gedanke nur kurz genervt? Oder richtig unruhig/ängstlich/aggressiv? Denkst du sofort: „Ja, aber … ich brauch’s doch wegen …“? Wenn du merkst, dass du innerlich verhandelst, ist das schon ein starkes Signal Richtung Sucht.

Was sind die 4 Phasen der Sucht?

Sucht startet selten „plötzlich“. Häufig läuft es in Stufen, die man im Rückblick erkennt:

  1. Frühe Phase: etwas wird genutzt, um sich besser zu fühlen (Spannung runter, Stress weg, Kick).
  2. Warnphase: Verheimlichung, Schuldgefühle, steigende Menge/Dauer, erste Kontrollprobleme.
  3. Kritische Phase: deutlicher Kontrollverlust, Probleme werden sichtbar, trotzdem geht’s weiter.
  4. Chronische Phase: starke körperliche/psychische Abhängigkeit, Leben wird stark eingeschränkt.

Diese Phasen sind kein Test, sondern ein Orientierungsmodell. Je früher du reagierst, desto weniger muss später „repariert“ werden.

Welche Hilfen gibt es bei Sucht?

Wenn du merkst, dass Alkohol, Social Media, Gaming oder whatever mehr Raum einnimmt, als dir guttut, musst du nicht warten, bis alles eskaliert. Hilfe ist nicht nur für den absoluten Tiefpunkt da, sondern genau dafür, dass du ihn gar nicht erst erreichst. 

Ein guter erster Schritt ist oft eine Suchtberatungsstelle. Dort kannst du gemeinsam klären, wo du gerade stehst, was dich in dein Muster zieht und welche nächsten Schritte realistisch sind. Das Ganze ist vertraulich, häufig kostenlos und auch dann sinnvoll, wenn du noch unsicher bist, ob es „schon Sucht“ ist oder nicht.

Wenn dir persönlicher Kontakt erstmal zu viel ist, gibt es digitale Beratungsangebote. Schreiben statt reden fühlt sich für viele leichter an – vor allem, wenn Scham oder Unsicherheit im Spiel sind. Auch Selbsthilfegruppen können entlastend sein: nicht, weil dort perfekte Lösungen warten, sondern weil du merkst, dass du mit deinen Gedanken und Rückfällen nicht allein bist.

Wichtig wird medizinische Unterstützung vor allem dann, wenn Alkohol (oder eine andere Substanz) eine größere Rolle spielt. Ein plötzlicher Entzug kann körperlich riskant sein. In solchen Fällen ist die Hausärzt:in eine sinnvolle Anlaufstelle, um das Ganze sicher zu begleiten und weitere Hilfe zu organisieren.

Wenn hinter dem Konsum oder dem exzessiven Zocken auch psychischer Druck steckt, z. B. Angst, Depression, ADHS oder Dauerstress, kann eine Psychotherapie sehr helfen. Dabei geht es nicht nur ums Aufhören, sondern darum, andere Strategien zu entwickeln, mit Gefühlen und Belastung umzugehen. Reines Verbieten bringt wenig, wenn das Spiel dein wichtigster Flucht- oder Ausgleichsraum ist.

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Und noch ein Punkt: dein Umfeld kann unterstützen, sollte aber nicht alles auffangen müssen. Es gibt professionelle Angebote – auch speziell für Angehörige. Du darfst dir Hilfe holen, ohne alles allein tragen zu müssen.

Wenn du unsicher bist, fang klein an: eine Nachricht an eine Beratungsstelle, ein Gespräch bei der Hausärzt:in oder ein erstes Reinschnuppern in eine Gruppe. Es geht nicht darum, sofort alles zu lösen, sondern darum, wieder ein Stück Kontrolle zurückzubekommen.

Fazit

Wenn du jetzt beim Lesen dieses Artikels gemerkt hast, dass sich Dinge unangenehm vertraut anfühlen: das ist nicht peinlich. Das ist Information. Und je früher du reagierst, desto weniger muss später „repariert“ werdenSucht ist behandelbar – aber selten allein durch Willenskraft. Hilfe zu holen ist kein Drama, sondern der Shortcut zurück zu mehr Freiheit.

(AOK/Barmer/Blaues Kreuz München/Bundesgesundheitsministerium/Caritas/DRK/Helios/Kenn dein Limit /Schönklinik/Suchtportal/Paracelsus Kliniken/Vivid/ZEV/SAHO)

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